Verleger Jörg Schröder wird 70 - Vorreiter der Business-Art
Mit dem März- Verlag war Jörg Schröder einer der Ideengeber und Sprachrohre der 68er-Bewegung - dann kam der Konkurs: Jetzt wird der Verleger und Erzähler 70 Jahre alt. "Die Bismarc Media war eine kryptische Agentur mit einer Aura von Bedeutsamkeit. Schlichter gesagt: Es sollte weniger gearbeitet als hochtrabend und geheimnisvoll herumgeschwafelt werden. Zunächst ging es mir allerdings nicht um ,Busineß-Art' - zu der ist das Ganze erst geworden, als mein ursprüngliches Konzept nicht funktionierte. Denn ich wollte einen Medienladen aufbauen, und dazu brauchte ich Kapital [
].
Ins Chefzimmer setzte ich den großschwafelnden Ernst Herhaus, der damals bevorzugt auf Business-Pfaden wandelte. Im Umfeld dieser Tätigkeit hatte Ernst einige Krisenberater kennengelernt, er pflegte Kontakte zu solchen Karrieristen und Wirtschaftsinnovateuren, besülzte sie in der Sprache der Kritischen Theorie. Er war ja mit Max Horkheimer befreundet und beherrschte die Wichtigtuer-Terminologie durchaus. Insofern war Ernst auch der richtige Mann für meine Bismarc Media."
Das war er nicht. Aber für Jörg Schröder, den Vorreiter der Business-Art, Pionier der digitalen Boheme und Großmeister in der Kunst des Scheiterns war Ernst Herhaus der richtige Zuhörer. Aus Bismarc Media wurde nichts, aber Schröder erzählte seine Lebensgeschichte - von der Buchhändlerlehre über die Werbeleitung bei Kiepenheuer & Witsch bis zur Gründung des linksintellektuellen März-Verlags im Jahre 1969, der sein politisches und literarisches Avantgardeprogramm aus den Erträgen des pornografischen OlympiaPress Verlags finanzierte.
So war "Siegfried" eine Geschichte aus dem bundesdeutschen Kulturbetrieb, die sich jeder Diskretion enthielt. "Das darf man eigentlich nicht erzählen, gerade deshalb muß man es erzählen" - diese Maxime brachte Jörg Schröder nicht nur Dutzende von Unterlassungsklagen und Verfahren ein, sondern auch den Status eines Helden, weil hier endlich einer Ross und Reiter nannte und dem Hässlichen und Gemeinen in der hochkulturellen Welt des "Wahren, Schönen, Guten" Gesicht und Namen gab.
Als Verleger politischer Literatur und Entdecker so unterschiedlicher Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Ken Kesey ("Einer flog übers Kuckucksnest") oder Carlos Castaneda hatte Jörg Schröder sich schon einen Namen gemacht.
Mit "Siegfried" avancierte er jetzt selbst zum Erzähler und Autor einer neuen Art Investigativliteratur, deren entlarvende Brillanz und hochkomischer Unterhaltungswert allerdings in krassem Gegensatz zu den Grenzen (und Kostensätzen) des Medien- und Persönlichkeitsrechts stand. Und eine Prozesslawine pro Kapitel hielt selbst der beste Bestseller nicht aus.
Nach dem Konkurs des großen März-Imperiums zog sich Schröder Anfang der 80er Jahre in ein Forsthaus im hohen Vogelsberg zurück, machte als Kleinverleger weiter anspruchsvolle Bücher, hatte weiterhin tolle Geschichten zu erzählen - und die taz war kurz zuvor angetreten, die Grenzen der Presse- und Satirefreiheit neu auszustecken.
Aus einem nächtlichen Gespräch, das ich zusammen mit Helmut Höge, Jörg Schröder und seiner Frau Barbara Kalender führte und das von den beiden zu einem Monolog redigiert wurde, entstand die Reihe "Schröder erzählt", deren erste Folgen dann 1983 in der taz erschienen. Um die ungekürzten Versionen zu verbreiten, erfand der Medienmagier Schröder später den "März Desktop Verlag", der weitere Folgen der Reihe nur auf Subskription ausliefert.
Seitdem hat er seiner Frau mehr als 50 lange Geschichten erzählt und sie in bibliophiler Aufmachung an 300 Subskribenten versendet.
Eine limitierte Kassette mit der Gesamtausgabe der Serie, die am 24. Oktober zum 70. Geburtstag Jörg Schröders erscheint, (2.800 Seiten, 1.750 Euro) wurde von der Library of Congress in Washington geordert, auch die Unibibliothek Iowa will ihren Germanistik-Studenten diesen Hunter S. Thompson des deutschen Kulturbetriebs offenbar nicht vorenthalten.
Das Blog (http://blogs.taz.de/schroederkalender/), das Schröder & Kalender seit zwei Jahren schreiben, wird vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach archiviert und zählt zu den am meisten gelesenen auf taz.de. Die Inhalte und das gelb-rote Design der Bücher, die er verlegte, waren prägend für eine Generation. Seine Erzählungen aus dem wirklichen Leben, die er seit 1990 publiziert, sind ein einzigartiges Porträt des Buch-, Literatur- und Mediengewerbes. Als die VG Wort Schröders Werke aus Kostengründen als "Belletristik" einstufen wollte, unterlag sie 2004 vor dem Oberlandesgericht München. Womit quasi amtlich beglaubigt ist: Schröder erzählt Fakten. Unerhört und unverzichtbar.
Matthias Bröckers in: taz vom 24.10.2008
Zurück
Jörg Schröder - Erzähler einer wilden Zeit
Er ist Verleger, Pornoproduzent und vor allem eines ein Mann abenteuerlicher Geschichten. Jörg Schröder wird an diesem Freitag 70 Jahre alt.
Wer ist dieser Herr? Immer, wenn Jörg Schröder aufkreuzt, irgendwo im Zusammenhang mit Kultur, Literatur, alternative Szene, meistens in Berlin, aber auch anderswo, in Frankfurt auf der Buchmesse zum Beispiel, taucht die Frage auf nach diesem Herrn, der so blendend erzählen kann. Schröder ist überall, wo es etwas zu erzählen gibt über die alternative Szene von früher. Von Ereignissen und Abenteuern, denen von den Nachgeborenen der Begriff Achtundsechziger angeklebt wurde.
Jörg Schröder, Verleger, März-Verlag: Dort erschienen die gelben Bände in der roten und schwarzen Schrift mit der außergewöhnlichen Typografie. Spätestens bei diesen Stichworten klingelt es wohl bei den meisten, die zwischen 1969 und 1989 Spaß hatten an der Entdeckung aufregend neuer, lebensdraller Bücher unterschiedlichster Gattungen. Und sofort erinnern sich viele an die ersten gelben Bände, die sie bei sich zu Hause im Regal hatten: Sexfront, das erfrischend fröhliche Aufklärungsbuch von Günter Amendt (1970), Acid, die 1969 herausgegebene Anthologie zur damals noch unbekannten Neuen amerikanischen Szene, der Beat Generation und ihrer Nachfolger von William S. Burroughs über Michael McClure bis Charles Bukowski.
Jörg Schröder veröffentlichte, was ihm selber Spaß machte, was ihn interessierte und wofür er ein größeres Publikum zu begeistern versuchte. Von politischen Büchern wie Edgar Snows Roter Stern über China über die Comics des noch unbekannten Robert Crumb, Romane und Gedichte von Leonard Cohen, die drollig prolligen Ruhrpottburlesken von Henning Claer (Laß jucken, Kumpel!) bis zu Bernward Vespers 68er-Generationen-Roman Die Reise. Und immer wieder Berauschendes aus den USA: Carlos Castanedas Lehren des Don Juan oder Einer flog über das Kuckucksnest von Ken Kesey. Schließlich auch sein eigenes Buch: Siegfried (1972). Skandal! wurde damals geschrien. Dabei hatte Schröder nichts anderes getan, als vergnüglich und aufrichtig seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen, wobei er weder sich selbst noch seine Weggefährten schonte: von Kriegs- und Nachkriegskindheit im Ost-Berliner Bezirk Pankow-Niederschönhausen, Schulzeit in Rinteln an der Weser, Jugendwirren und Lehre in der berühmten Schrobsdorffschen Buchhandlung in Düsseldorf. Von seinen verzweifelten Versuchen, Geld zu verdienen, unterwegs als Vertreter für Olivetti-Schreibmaschinen, von seinen tragisch komischen Suff- und Puff-Abenteuern, von alten Nazis und neuen Linken und von seinen beispielslosen Auf- und Abstiegen im Verlagsgeschäft. Bei Letzteren etwa konnte er sich wieder einen neuen Jaguar leisten und ein Schlösschen in Niederflorstadt. Und wenn ihm alles wieder zerrann, waren das Geld weg, das Schloss, der Jaguar und der Verlag. Und alles noch mal von vorn bei Zweitausendeins. Aufbau, Abbau, neuer Jaguar, verkaufter Jaguar.
Schröder war es auch, der damals die Mini-Nukes, die als Wasserwerke getarnten Atomminendepots der USA entlang der DDR-Grenze, entdeckte. Sein Plaudern darüber schob 1980 die zweite deutsche Friedensbewegung mit an. 1969 leierte er die erste deutsche Pornofilmproduktion an, natürlich emanzipativ korrekt.
Nachdem er nach zwei Herzinfarkten Ende der 80er das Verlagsgeschäft aufgegeben hatte, aber nicht aufhören wollte mit dem Erzählen, kam ihm die Idee zu Schröder erzählt ein exklusives Projekt: Ausschließlich für Subskribenten, die vorab bestellen und bezahlen, erzählt Schröder seit 1990 in vierteljährlichen Folgen, einzeln nummeriert, signiert und gewidmet, auf jeweils 50 Seiten edlem Papier, Enthüllungen aus dem deutschen Kulturbetrieb und Gesellschaftsleben. Und immer nennt er dabei Ross und Reiter, kein Name wird literarisch verschlüsselt. Wie schon in seiner Autobiografie Siegfried plaudert er alles aus, was ihm ausplaudernswert erscheint.
In ihrem Schöneberger Dachgeschoss, in dem sie seit Dezember 2005 leben, produzieren Jörg Schröder und seine langjährige Lebens- und Arbeitspartnerin Barbara Kalender zurzeit Traurige Tulpen, die inzwischen 52. Folge von Schröder erzählt. Dabei kommt immer das gleiche Verfahren zum Einsatz: Schröder erzählt seine Geschichten, seine Partnerin nimmt sie auf. Anschließend werden die Bänder in mühevoller, wochenlanger Kleinarbeit ausgewertet, redigiert und in eine endgültige Form gebracht. Es folgen liebevolle Gestaltung, Binde- und Verpackungsarbeiten im heimischen Studio. Anschließend rollt Jörg Schröder die große Ladung höchstpersönlich in mehreren Fuhren per Sackkarre zum Postamt am Bundesplatz. Und ein paar Tage später erhalten die Fans in ganz Deutschland neuen Lesestoff. Und wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, mag nicht mehr lassen von der unendlichen Saga, sagt Schröder.
Neueinsteiger können sich alte Folgen nachbestellen und darüber amüsieren, wie Jörg Schröder etwa 1969 in kühner Hochstapler-Manier Personal, Autoren und Produktionsmittel des von ihm sanierten Melzer-Verlags handstreichartig kollektivierte. Mit den Einnahmen der von ihm geführten deutschen Dependance des Pornoverlags Olympia Press etablierte er seinen eigenen März Verlag und damit die Geschichte der gelben Bände.
Vom Weinen beim Zwiebelschälen
Als Literaturnobelpreisträger Günter Grass in seinem Lebensrückblick sich wie eine Zwiebel entblätterte, flossen dicke Tränen. Alte Erinnerungen stiegen hoch, darunter auch die seiner lange verdrängten Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Dabei hatte schon 1961 der Deutschschweizer Künstler und Schriftsteller Dieter Roth den Erfolgs-Roman Die Blechtrommel als moralische Besserwisserei abqualifiziert, zerkleinert, mit Gelatine vermengt und in Wurstpellen gestopft: Literaturwürste nannte Dieter Roth sein Werk. Zu Günter Grass, den er 1968 auf der Frankfurter Buchmesse anblaffte mit: Na, Herr Berühmter! meinte er nur: Unglaublich! Schockierend! Brett vorm Kopf und losreden. Trompete. Ein Loch durch das Brett und Trompete durchstecken.. Die Tragödie sei, so Roth weiter in den in der Edition Hansjörg Mayer 2002 erschienenen Gesammelte Interviews: ...dass wir in Deutschland diese Leute haben wie Günter Grass und Martin Walser und dieser ganze Kram ... das sind alles kleine Adolf Hitlers, nicht wahr?
Während Grass zum Superstar wurde, landete die Literatur von Dieter Roth immer mehr in Nischenbereichen der Bildenden Kunst. Seine Bücher, signiert, versehen mit Zeichnungen und Grafiken, hatten Kleinstauflagen und nannten sich: Wer war Mozart? Wer ist der, der nicht weiß, wer Mozart war? Die meisten seiner Werke aber überschrieb er ganz einfach mit Gesammelte Scheiße oder die ganze komplette Kacke. Solche Titel hatten in jener Zeit das Zeug zum Ladenhüter und als ich - ein junger Punk in Westberlin - 1981 im Ramsch das Luchterhandbuch Frühe Schriften und typische Scheiße erblickte, für nur zwei DM, vorm Einstampfen bewahrt und mit einem Haufen Teilverdautem versehen von Oswald Wiener wie der neueingebundene Stoffumschlag betonte, griff ich zu - was für ein herrlicher Kontrast zu den drögen Titeln von Martin Walser, Heinrich Böll oder Günter Grass! Dass ich die wunderbaren Gedichte des inzwischen teuren Scheißebuches fünfundzwanzig Jahre später für die Hörspielredaktion des Bayerischen Rundfunk von Andreas Dorau, Stereo Total, Ghostigital, Max Müller, Khan, Namosh, Mouse on Mars und anderen als Hommage an Roth popmusikalisch vertonen lassen könnte, hätte ich seinerzeit nie zu träumen gewagt.
Der Alterunterschied zwischen Dieter Roth und Günter Grass beträgt kaum drei Jahre. Und doch scheinen sich ihre Welten kaum zu berühren. Und nicht nur dort: Überall Parallelwelten und Parallelwahrheiten. Es ist nicht einfach, sich da zurechtzufinden. Auf der Suche nach der Wahrheit stehen viele Fettnäpfchen parat, öffnen sich Fallgruben, in die zu plumpsen reichlich Stoff bietet. Deshalb zunächst als kleine Aufmunterung ein Roth-Gedicht:
Wenn sich das Leben richtet
nach dem Falle wieder auf,
hab ich die Falle schon gesichtet
und haue dem Leben eins drauf!
Dieter Roth verstand sich durchaus als Schriftsteller. Um aber wirtschaftlich überleben zu können, verlagerte er seinen Tätigkeitsbereich vermehrt in die bildende Kunst. Dort bot das Genre Künstlerbuch eine Möglichkeit jenseits vom Mainstream kleine, limitierte Auflagen zu veröffentlichen. In dieser Zeit entstand ein weiteres Paralleluniversum im Verlagswesen: Mit leuchtendroter Schrift auf knallgelbem Grund ragte der MÄRZ-Verlag heraus aus dem Meer der sozialdemokratischen Betroffen- und Befindlichkeitsliteratur. Im März 1968 von Autor Jörg Schröder gegründet, versammelte er all das, was den strengen Kanonisten der deutschen Literaturklüngel nicht geheuer und doch so dringend nötig war. Ausgehend von der amerikanischen Popkultur, Autoren wie William Bourroughs, Radikalfeministinnen wie Valerie Solanas, Comic-Zeichnern wie Robert Crumb, Joe Brainard oder Künstlern wie Andy Warhol zog frische Luft ins muffige Deutschland. Diese neue Welt, bereichert von deutschsprachigen Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Bernward Vesper, Elfriede Jelinek entwickelte sich zur Basis dessen, was heute als deutsche Popliteratur bezeichnet wird. Johannes Ullmeiers vergriffene Sammlung Von Acid zu Adlon ist das erste Buch, das diese Zusammenhänge in ihrer ganzen Komplexität aufzeigt. Das Verbindende dieser Extreme, dieser Welten, die jenseits des Mainstream existierten, aber deshalb nicht etwa zwangsläufig miteinander fröhlich, friedlich und harmonisch kommunizierten, ist in der Person Jörg Schröder zu finden. Für die meisten linken Ideologen und die Kunstästheten war das von ihm eröffnete Spektrum zwischen der Radikalfeministin Valerie Solanas und dem Kunstschlachter Hermann Nitsch viel zu groß und kontrastreich. Es ist wohl so, dass Schröder mit viel Neugier und Weitblick all das vereinte, das in und mit den Extremen und Rändern experimentierte, ohne dass bereits die späteren Konsequenzen absehbar gewesen wären. Dieses Spiel mit dem Risiko macht Spaß: Öffnung statt Ausgrenzung. Experiment mit ungewissem Ausgang statt Inszenierung von Gewissheit.
Für den jungen Wolfgang Müller, Jahrgang 1957, waren in den 1970ern Bücher wie Günter Amendts Sexfront oder Robert Crumbs Head-Comix jedenfalls die reinste Befreiung im Mief der niedersächsischen Provinz. Sie waren überlebenswichtig. Jörg Schröder, der jüngst seinen 70. Geburtstag feierte, hat durch das weitgefächerte MÄRZ-Spektrum gleichzeitig im Laufe der Jahrzehnte eine unendliche Anzahl an Materialien versammelt, die vom harten Briefstück bis zur zärtlichen Erfahrung reichen. In den MÄRZ- Bestellern, Siegfried und Cosmic, einer chronique scandaleuse der bundesrepublikanischen Gesellschaft, greift er auf dieses Material zurück. In klarem, transparenten Erzählstil schildert er wahre Begebenheiten, die teilweise so absurd, unglaublich oder komisch klingen, dass der Leser nicht mehr weiß, wo er gelandet ist: bei einer Dichtung oder bei der Wahrheit. Tatsächlich aber enthält der Erzählstoff bei Schröder nichts als die reine Wahrheit. Dieses Vorgehen nennt sich investigatives Schreiben. Doch eigentlich, das wissen wir alle längst, ist es ja gar nicht möglich, die Wahrheit zu schreiben, zumal wenn es sich um ein Buch in gedruckter Form handelt. Wie lange hat es schließlich gedauert, bis Klaus Manns Buch Mephisto erscheinen konnte? Ein Buch, in welchem in der Figur des opportunistischen, karrieristischen Staatsschauspielers Hendrik Höfgen nur unschwer Gustav Gründgens zu erkennen ist, der mit der Unterstützung Hermann Görings eine steile Karriere in Nazideutschland machte. Gründgens Erben kämpften Jahrzehnte gegen die Veröffentlichung, das in der DDR 1956 erschien und die in der Bundesrepublik 1971 durch das Nachdruckverbot einen Literaturskandal zur Folge hatte.
Und so ist es bis heute - Skandal! Skandal! Skandal! Die Wahrheit ist ein Skandal! In Jörg Schröders Bestellern Cosmic und Siegfried mussten zahlreiche Passagen gestrichen, geschwärzt werden, da sich einige Dargestellte nicht wiedererkannten. Oder sollte man vielleicht besser sagen: sich zu gut getroffen fanden.
Die operative Literatur verlangt eben von ihren Texten, dass sie wahr sein müssen, so Jörg Schröder: Bereits vor dem neuen Urteil des Bundesverfassungsgerichts, welches formulierte, dass die Meinungsfreiheit schon dann tangiert ist, wenn das Persönlichkeitsrecht deutungsoffen verletzt ist, war es nahezu sinnlos Prozesse wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts zu führen. Schröder löste das Problem, das seine Vorgehensweise mit sich bringt: Seit 1990 veröffentlicht er die Reihe Schröder erzählt im MÄRZ Desktop Verlag, den er mit Lebensgefährtin Barbara Kalender betreibt. Hier lassen sich Einstweilige Verfügungen und Beschlagnahmungen von Beleidigten, Erniedrigten und Gekränkten ganz einfach verhindern. Gedruckt wird nämlich bei Schröder-Kalender nur, was persönlich bestellt wird. Jedes Exemplar umfasst etwa fünfzig Seiten, ist handgemacht, nummeriert und dem Abonnenten persönlich gewidmet. Wie sollte so etwas beschlagnahmt werden? Mit Hausdurchsuchungen in Privathaushalten? Dass sich unter den weltweit dreihundert Subskriptenten inzwischen auch die größte Bibliothek der Welt, die Library of Congress in Washington befindet, ist natürlich nicht zu verhindern. Manche Bibliotheken ahnen längst, dass sie mit Schröder erzählt auch ein Quellenwerk von unschätzbarem Wert erworben haben - spätestens für die Zukunft.
Denn im Grunde ist für Günter Grass seine Waffen-SS-Mitgliedschaft als 17-jähriger und sogar das jahrzehntelange Verschweigen dieser kurzen Periode, letztlich nicht so dramatisch, wie als simpler Abschreiber entlarvt zu werden. In der Schröder erzählt - Folge Ausländer, Behinderte Andersdenkende (2002) wird der Leser Zeuge, wie ein Text aus dem MÄRZ-Buch Der Mord in Davos Wort für Wort übernommen und sich in ein Werk von Günter Grass verwandelt. Nun gut, nicht ganz: aus dem flachen Dache wurde für Grass Internetroman Krebsgang.de ein Flachdach und aus blau wurde waschblau, schränkt Jörg Schröder ein. Und als Autor Helmut Heißenbüttel darüber klagt, dass doch der Grass so wahnsinnig berühmt sei, da tröstet ihn Schröder mit der aufmunternden Antwort: Dann musst du eben auch so schlecht schreiben!
Das investigative Schreiben haben auch andere, wie Schröders Cosmic Co-Autor, der frühere Faust-Manager Uwe Nettelbeck, alias Hans-Uwe Bessert eingesetzt. Mit seiner Zeitschrift Die Republik versuchte er eine in unregelmäßigen erscheinende Fortsetzung von Karl Kraus Fackel zu etablieren. Für viel Geld erwarb er die Rechte an der Fackel-Schrifttype und betonte jeweils auf der letzten Seite seiner Zeitschrift, dass die Redaktion sich vorbehalte, Abonnements an Unliebsame zu verweigern. Die Drohung drückt bereits die Hermetik, den Mangel an Selbstinfragestellung aus, die das Projekt über die Jahre zum Kultbuch einer eingeschworenen, ständig kleiner werdenden Gemeinde werden lies. Manchmal hat das so etwas von dem verschworenen Kreis um Kreis um Stefan George, so Jörg Schröder und kratzt sich am Kinn: Karl Kraus Fackel ist ja heute zum Großteil nicht mehr verständlich, das fortzusetzen, scheint mir völlig sinnlos zu sein, meint Schröder: Was letztlich dabei herauskommt, ist Zivilisationsästhetik.
Während sich der Kosmos der Republik zusehends verengte, öffnet er sich bei Jörg Schröder immer wieder neu. Er lebt von Veränderungen, neuen Entwicklungen, die sich mit alten Erinnerungen verbinden, abgewogen und bewertet werden. Mit den Augen eines Kindes scheint Schröder die Welt immer wieder neu zu entdecken. Dabei steigen gleichzeitig die Erfahrungen und Bilder vergangener Jahre ins Bewusstsein. Nun erst lässt sich ermessen, welche Rolle die gewonnenen Erkenntnisse, die alten Bilder im Hier und Jetzt spielen. Was einmal wahr war, kann bekanntlich später unwahr werden. Doch um nicht in die Falle postmoderner Beliebigkeit zu gehen, hilft nur eine deutliche Positionierung des Autors. Und das bietet Jörg Schröder neben seiner unsentimentalen und eleganten Schreibweise in seltener Klarheit.
Beispiele investigativer Recherche finden sich auch bei Schröders altem Freund, dem Autor Helmut Höge. Von der ewigbrennenden Glühbirne des Herrn Binninger bis zu den sibirischen Partisanen reicht sein Themenfeld. Allerdings steht bei Helmut Höge die Wahrheit nicht im Zentrum der Recherche: So hat ihm Cord Riechelmann, der Co-Autor seines lange angekündigten Anti-Darwinsbuches, das Brutvorkommen der extrem seltenen Rohrdommel im Stadtzentrum von Berlin glaubhaft machen können. In seiner Kolumne Tiere in der Großstadt klärt der Biologe die Leser der Berliner BILD-Schwester BZ wöchentlich über neuzugezogene Tierarten auf.
Höge stellt prompt den Vogel ausführlich den taz-Lesern als Beispiel städtischer Verwilderung vor. Nach Wildschwein, Wanderfalke, Fuchs und Hase dränge nun also die Rohrdommel ins Zentrum der Stadt: eine unglaubliche Sensation! Da ich, der Autor dieser Zeilen selbst in unmittelbarer Nähe des Engelbeckens wohne, eines kleinen Teiches, in welchem die scheue Rarität brüten soll, kann ich - unterstützt von Prof. Dr. Böhner, dem Hauptverantwortlichen für die jährliche Bestandaufnahme sämtlicher Vogelarten der Stadt - nur vermuten, dass es sich bei dieser Rohrdommel entweder um eine Vision, eine Ente oder eine Verwechslung mit dem ordinären Fischreiher handelt. Es existieren also tatsächlich immer mehrere Wahrheiten. Und doch, die ins Mark gehenden, kilometerweit zu hörenden Rufe des Vogels, der nicht grundlos den Spitznamen Moorochse trägt, haben weder ich, noch ein anderer Anwohner des dichtbesiedelten Areals jemals vernommen. Helmut Höge findet solche Details gar nicht so wichtig. Um des Effekts willen übernimmt er aufgeschnappte Sensationen meist ungeprüft, kommentiert Schröder und setzt trocken nach: Er übernimmt manchmal Ideen anderer, wie schon mein Bismarck Media Konzept und gibt es dann als eigenes Werk aus. Im Austeilen ist Jörg Schröder nicht gerade zimperlich: Außerdem leidet Helmut unter Schreibdiarrhö. Dabei grinst er wie ein frecher Schuljunge und erzählt anschließend von einer Hummel, die sich jüngst an den Löwenmaulblüten auf dem Balkon verging. Tatsächlich liegen frische, abgetrennte Blüten um eine arg lädierte Pflanze. Ehrlich, diese böse Hummel beisst einfach die Blüten ab! sagt Barbara Kalender, spitzt ihre Lippen und schaut mich dabei unschuldig an: Warum macht sie das denn bloß? Und ich muss an die in Thüringen beheimatete Hummelragwurz denken, deren Blüten den Geruch und das Aussehen der weiblichen Hummel imitiert, um den sexuellen Notstand der männlichen Hummeln - sie schlüpfen zwei Wochen früher - auszunutzen, um von diesen befruchtet zu werden. Die Hummelbumsblume - es gibt sie wirklich!
Um also bei der Wahrheit zu bleiben: Vor mir auf dem Tisch dampft gerade ein unvergleichlich delikates Gulasch. Barbara Kalender und Jörg Schröder kommen aus der Küche ihrer Berliner Dachwohnung und tischen im Wohnzimmer auf. Dafür brauchte ich keine einzige Zwiebel schälen. Das Fleisch ist in Gewürzpaste namens Z'chug eingelegt, sagt Barbara, das Rezept hat mir die Übersetzerin Lydia Böhmer verraten. Es ist zwei Wochen im Kühlschrank haltbar. Die MÄRZsens kochen wirklich wunderbar! So schnell bin noch nie korrumpiert worden.
Wolfgang Müller in: Spex, Heft #317 11-12/2008
Zurück
Wie man reizbar wird, schreibt Jamal Tuschick am Freitag, den 24.10. und Samstag, den 25.10.08 in der jungen Welt.
Christian von Zittwitz schreibt im Buchmarkt ... weiter
Jan-Frederik Bandel schreibt in der FAZ ...als PDF
|
|
|